Baufachzeitung

23.08.2017

Innerstädtisches Wohnen statt Büroflächen

Mit dem Entwurf für die Olgastraße 87 in Stuttgart ist es dem Architekturbüro Frank Ludwig gelungen, attraktiven Wohnraum in einer belebten innerstädtischen Straße zu schaffen.
Eine verglaste Pufferzone lässt Lärm und Staub außen vor, öffnet den Wohnraum aber zugleich zum Stadtraum hin.
Der klassischen Hausebene ist mit ca. 1,50 m Abstand eine Glasfront vorgesetzt. Diese ist als Einscheibenverglasung ausgeführt, mit großzügigen Schiebeelemente lässt sich die Fassade weit öffnen.

Fotos: Michael Banert für Architekturbüro Frank Ludwig

Wohnen, wo andere arbeiten? Um an Standorten, die scheinbar nur für Büroflächen geeignet sind, attraktiven Wohnraum zu schaffen, bedarf es besonderer Konzepte. Ein solches hat das Stuttgarter Architekturbüro Frank Ludwig für die Olgastraße 87 in Stuttgart entworfen: An der belebten innerstädtischen Straße im Zentrum der Schwabenmetropole ist ein Wohnhaus entstanden, das architektonischen Anspruch mit Identifikationspotenzial und hoher Wohnqualität kombiniert.

Auf dem Grundstück stand ursprünglich ein Verlagsgebäude, so dass sich die Überlegungen der Investoren zunächst alle um einen Bürokomplex drehten, keiner dachte seinerzeit an ein Wohngebäude. Einzig die Nord-Süd Kommunal- und Gewerbebau GmbH zog dies in Erwägung und fragte beim Architekturbüro Frank Ludwig an, ob sie für diese Straßenecke ein Konzept für ein Wohnhaus entwickeln könnten. „Wir haben uns dann entschlossen, aus dem Problem eine Tugend zu machen“, berichtet Frank Ludwig. “Wir wollten ganz bewusst den Stadtraum, der an dieser Stelle durchaus laut und feinstaubbelastet ist, nicht aussperren, wie es viele Entwürfe mit kleinen Fenstern zur Straße hin tun. Ganz im Gegenteil, wir öffneten den Wohnraum zum Stadtraum hin über komplette Verglasungen und einen ebenfalls verglasten Puffer, der Lärm und Staub außen vorlässt. So gelingt es, das Wohnen in der immer mehr gefragten Stadtatmosphäre erlebbar werden zu lassen.“

Stadtwohnen – öffnen zum städtischen Raum
Die Idee bestand darin, die Fassade in zwei Ebenen umzusetzen: Der klassischen Hausebene wird mit ca. 1,50 m Abstand eine Glasfront vorgesetzt – dazwischen befinden sich durchgehende Balkone. So entstand zum einen eine optisch homogene Fassadenfläche, die nicht durch Einzelbalkone oder eine kleinteilige Fensterstruktur unterbrochen wird. Zum anderen bildet sich so eine Pufferzone, die es ermöglicht in den Straßenraum hinein zu leben, gleichzeitig aber auch Schutz vor Lärm und Feinstaub bietet sowie Rückzugsmöglichkeiten. Die äußere Front ist als vorgeschaltete Einscheibenverglasung ausgeführt, die geschossweise durch horizontal laufende Metalllamellen verbunden ist. Sie lässt sich mit großzügigen Schiebeelementen weit öffnen. Die Balkone selbst sind nur 1,50 m tief, aber da sich auch die großen Fensterflächen zum Wohnraum hin öffnen lassen, kann der gesamte Raum zum Balkon werden.

Fassade mit Wiedererkennungswert
In der gläsernen Gebäudehülle konnte auf Stützen und Profile vollständig verzichtet werden, da sie keine tragende Funktion erfüllt. So ergibt sich die klare Optik der Fassade, die horizontal betont wird durch Lamellenbänder, die sich zwischen den Wohnebenen befinden. Diese übernehmen zugleich die natürliche Belüftung. Da die kupferfarbenen Aluminiumbänder fast wie Holz anmuten, setzen sie zudem einen wohnlichen Akzent. Große, unregelmäßig aufgesetzte weiße Rahmen verleihen dem Haus eine Dynamik, die man aus der Ferne als Bewegung wahrnimmt. Das Muster lässt die Architektur lebendig wirken und bestimmt deren unverkennbare Identität. Die weißen Rahmen werden erzeugt durch eine leicht transparente Struktur, die aufs Glas gedruckt ist.

Eine dezente Eckbetonung ergibt sich durch die über Eck durchlaufende Glasfassade. Zur Olgastraße hin hat sie zudem einen leichten Knick, die unterschiedliche Lichtbrechung und Spiegelung setzt einen charmanten Akzent in der Gebäudefront. Um das Fassadenbild nicht zu stören, wurde auf einen äußeren Sonnenschutz verzichtet, die Rollläden sind an der inneren, tragenden Fassade angebracht. Mit der Doppelfassade hat das Architekturbüro Frank Ludwig zudem einen effektiven klimatischen Puffer entworfen: So heizt sich das Haus im Sommer weniger auf, im Winter bietet er zusätzlichen Kälteschutz.

Wohnen und Parken in der Stadt
Insgesamt 34 Wohnungen mit individuellen Grundrissen sind in dem 6-geschossigen Wohn- und Geschäftshaus entstanden. Die Wohnfläche beträgt in Summe 3.960 m2, die einzelnen Wohnungen variieren von 2 bis 6 Zimmern mit 50 bis über 200 m². Manche öffnen sich nur zur Straße, andere orientieren sich sowohl zur Straße als auch rückwärtig zum ruhigen Innenhof hin. Es ergeben sich individuelle Grundrisse für ein vielfältiges Angebot für urbanes Wohnen bzw. Lebensentwürfe. Das Erd- und das Dachgeschoss sind jeweils leicht zurückversetzt, dadurch erscheint das doch recht große Gebäude leicht, beinahe schwebend. Zudem spielt die Dreiteilung mit Sockel, Mittelteil und Obergeschoss auf den klassischen Aufbau alter Gründerzeithäuser an. Im Erdgeschoss ist eine kleine Gewerbefläche entstanden. Komplex war das Thema Parken: „Gerade beim innerstädtischen Bauen mit kleinen Grundstücken ist dies eine Herausforderung“, weiß Frank Ludwig, „aber es macht uns Spaß, hier die beste technische Lösung auszutüfteln.“ Die Olgastraße 87 besitzt heute 41 Stellplätze auf zwei Ebenen mit den jeweiligen Tiefgarageneinfahrten.

Stuttgarter Hanglage
Eine weitere Herausforderung stellte die Hanglage dar: Hinter dem Grundstück stützt heute eine massive, 15 Meter hohe Wand den Hang statisch ab. Die nächsten Häuser setzen dann entsprechend mehr als 15 Meter höher dahinter an, fast schon auf Höhe der Dachterrasse. „Mit der begrünten Wand haben wir zum einen den Hang stabilisiert, andererseits ergibt sich dadurch nach hinten hinaus eine eher introvertierte Lage als Kontrast zur extrovertierten Vorderfront“, berichtet Frank Ludwig. Von der ersten Entwurfsskizze an wurden Fachplaner hinsichtlich Statik und Geologie einbezogen. Entscheidend war zudem die konstruktive Zusammenarbeit der Architekten mit der Stadtverwaltung und dem Investor. Die Abstimmung mit den städtischen Gremien lief reibungslos aufgrund der hohen städtebaulichen und gestalterischen Qualität des Gebäudes.

Wohnbau braucht Identifikationspotenzial
„Die wenigsten möchten heute noch in ein 08/15 Gebäude einziehen“, berichtet Frank Ludwig aus Erfahrung, „es ist wichtig, dass die Bewohner sich mit ihrem Haus identifizieren können, es sollte optisch ein „gewisses Etwas“ haben. Genau das versuchen wir in allen unseren Entwürfen zu berücksichtigen, ungeachtet vom Preisniveau.“ Mit dem Konzept zur Olgastraße ist das definitiv gelungen, „den größten Zuspruch gab es übrigens für die Wohnungen am markanten Eck, die über zwei Seiten verglast sind.“ Die Idee mit der mutigen Öffnung zur Straße hin ist also sehr gut angekommen. Mit dem Entschluss, in der eher untypischen Lage ein Wohnhaus zu errichten, ist der Bauträger absolut zufrieden, ein Großteil der Wohnungen konnte aufgrund der hohen Qualität und des gestalterischen Anspruchs schon vor Baubeginn verkauft werden.

Bautafel Olgastraße
Innerstädtisches Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage Stuttgart
Adresse: Olgastraße 87, Stuttgart
Architektur: Architekturbüro Frank Ludwig, Stuttgart, verantwortlich für die LP 1-5
Bauherr: NORD-SÜD Kommunal- u. Gewerbebau GmbH
Wohnfläche: ca. 3.960 m²
Gewerbe: ca. 400 m²
Bruttorauminhalt: ca. 24.700 m³
Anzahl Wohnungen: 34
Anzahl Stellplätze: 2 TG-Ebenen mit 41 Stellplätzen
Fertigstellung: 2012

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