Baufachzeitung

11.12.2017

Baustoffe + Bauchemie

Weich-PVC im Sport

Arena Cuiabá - GCP Arquitetos. Foto: Neorama, ALMA Estúdio

Nachdem Kunststoff in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmalig synthetisiert und auf den Markt gebracht wurde, war er in der Welt des Sports schon bald nicht mehr wegzudenken. Ob bei Sportkleidung oder Sicherheitsausrüstung, bei Baumaterialien oder Trainingsequipment, überall haben Kunststoffe den Wettkampf von Profis und Amateuren gleichermaßen revolutioniert. Obwohl sie in so vielen Bereichen eingesetzt werden, stehen Kunststoffe unter dauernder Beobachtung der Aufsichtsbehörden und sind häufig Zielscheibe von Kritik in den Medien. Kein anderer Kunststoff versinnbildlicht dieses zwiespältige Verhältnis besser als das hochflexible PVC.

PVC ist auch bekannt als Vinyl und wird in einer Vielzahl weit verbreiteter Sportartikel verarbeitet. In noch größerer Menge findet man flexible PVC-Applikationen jedoch in den großen Sportstätten, wie Turnhallen, Stadien und einer Vielzahl von Wettkampfeinrichtungen. In Struktur- und Dachmembranen wird PVC ebenso gern verwendet wie in Wandabdeckungen, dank seiner Haltbarkeit, seines geringen Gewichts und seiner Kosteneffizienz. Wenn es als Bodenbelag zum Einsatz kommt, absorbiert es Stöße, kann problemlos gereinigt werden und hält auch höchsten Trittbelastungen stand. Auch hinter der Fassade trifft man überall auf PVC, in Form von Leitungen, Kitt, Versiegelungsmaterial, Schläuchen und anderen Konstruktions- und Baumaterialien.

Arena das Dunas - Populous. Foto: Populous

PVC bei den olympischen Spielen und der Fussballweltmeisterschaft
Der Einsatz von PVC, nicht nur in seiner flexiblen Form, liefert zuweilen Konfliktstoff, wenn die Einkaufsrichtlinien für große Sportveranstaltungen festgelegt werden. Die Olympischen Spiele im Jahr 2000 in Sydney und 2012 in London sowie die diesjährige FIFA-Weltmeisterschaft liefern hervorragende Beispiele für eine Vielzahl von innovativen PVC-Anwendungen, jedoch auch dafür, wie Missverständnisse und Fehlinformationen die Einsatzmöglichkeiten von PVC einschränken können.

Aufgrund des Drucks von besorgten Umweltschutzverbänden nahmen die Organisatoren der Olympischen Spiele in Sydney – den ersten in der Geschichte Australiens – eine sehr restriktive Haltung zum Einsatz von PVC ein. Die Verwendung von Vinyl wurde bei einer Vielzahl von Bau- und Konstruktionsmaterialien verboten, beispielsweise im Bereich der Wasserversorgungs-, der Abwasser- und der Wasserauffanganlagen, ebenso wie bei der Strom- und Lichtverkabelung. Trotz aller Bemühungen der Organisatoren konnte bei einer Vielzahl von Kabelverwendungen sowie bei der Errichtung von temporären und dauerhaften Austragungsstätten kein Ersatzmaterial gefunden werden, das den funktionalen und strukturellen Vorteilen von PVC entsprochen hätte.

Schon im Jahr 2009 hatte die „Commission for Sustainable London 2012” (das Gremium, das für die Überwachung und Sicherstellung der Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele im Jahr 2012 verantwortlich war) eigene Richtlinien zum Einsatz von PVC formuliert und hierbei besonderen Wert auf flexible Applikationen mit einem Weichmacheranteil gelegt. Deren Verwendung sollte nicht verboten werden, doch die Anbieter wurden aufgefordert, bestimmte Auflagen zu erfüllen und beispielsweise Vinyl mit einem Recyclinganteil von mindestens 30 Prozent zu verwenden, die EU-Standards zu Schadstoffeintrag und Abgasen einzuhalten, die Verwendung von Blei-, Quecksilber-, Kadmiumstabilisatoren zu vermeiden und vieles mehr. Zudem baten die olympischen Behörden alle betreffenden Vertragszulieferer um einen Nachweis dafür, dass ihre Produkte in Übereinstimmung mit der Industriecharta des Europäischen Verbandes der PVC-Hersteller (ECVM) hergestellt wurden.

Schlussendlich wurden bis zur Eröffnung der Spiele 140.000 Quadratmeter flexibles PVC eingesetzt, beispielsweise in den Kasernen der Royal Artillery, im Velopark Cycling Centre und als Teil des Daches im Hauptstadion. In einem weiteren Gebäude, der Basketball-Arena, wurden etwa 20.000 Quadratmeter gemustertes, recyclingfähiges PVC verwendet, sodass die Errichtung dieser größten jemals gebauten temporären Sportstätte möglich wurde. Interessanterweise wurden Teile dieser Arena und anderer temporärer Anlagen nach Brasilien transportiert und an einigen Austragungsstätten der FIFA-Weltmeisterschaft 2014 wiederverwendet.

In mehreren Stadien, die für die Weltmeisterschaft errichtet oder renoviert wurden, kam nicht nur neues, sondern auch recyceltes PVC in großen Mengen zum Einsatz. Auch eine Seite des blütenförmigen Daches der Arena das Dunas in Natal ist komplett mit PVC beschichtet. Die Arena Pantanal, welche das Stadion „Governador José Fragelli“ in Cuiabá ersetzte, erhielt eine wasserdichte PVC-Dachabdeckung sowie eine feuerfeste PVC-Membran. Derartige Elemente ermöglichten eine moderne und luftige Architektur, die eine natürliche Beleuchtung und Querlüftung erlaubt. Ziel war es, Energie einzusparen, dem Stadion ein modernes Aussehen zu geben und die Zuschauer vor der Mittagssonne zu schützen.

Man könnte es als eine symbolische Weiterverbreitung des olympischen Gedankens betrachten (abgesehen von der Weitergabe der Fackel), dass der Bürgermeister von Rio de Janeiro die Londoner Basketballarena abbauen und für die Olympischen Spiele 2016 in seiner Stadt wiederaufbauen lassen möchte.

Pantanal Arena - GCP Arquitetos. Foto: Nelson Kon

Was genau sind Weichmacher?
Doch warum wird PVC eigentlich so misstrauisch beäugt? Die Antwort ist einfach: Es liegt an den Weichmachern. Bei diesen handelt es sich um Chemikalien, die dem PVC seine Biegsamkeit und Weichheit verleihen und ohne die es bei einer Reihe von Anwendungen überhaupt nicht eingesetzt werden könnte. Es gibt mehr als 300 Arten von Weichmachern, von denen 50 bis 100 kommerziell eingesetzt werden. Bei jedem Weichmacher gibt es eigene Anwendungsgebiete, gesetzliche Anforderungen und Bestimmungen, doch sie alle werden in der Öffentlichkeit und in den Medien häufig mit Gesundheitsgefahren in Verbindung gebracht, ohne dass die Unterschiede berücksichtigt werden, die es bei dieser großen Gruppe von Substanzen gibt.

Probleme, die im Zusammenhang mit einigen dieser Weichmacher aufgetreten sind, wurden von den Aufsichtsbehörden und den Herstellern in Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und unter der Aufsicht unabhängiger Prüfstellen bereits aus der Welt geschafft. Gemäß der grundlegenden Verordnung der Europäischen Union zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe – die zu den strengsten der Welt gehört und auch unter der Bezeichnung REACH bekannt ist – werden bestimmte Weichmacher bis Februar 2015 vom Markt verschwunden sein, sofern für sie keine EU-Sondergenehmigung für die Verwendung in besonderen Anwendungen erteilt wurde.

In Anbetracht des breiten Spektrums der Weichmacher gibt es zwischen diesen riesige Unterschiede, derer man sich bei der Wahl des gewünschten flexiblen PVC-Materials und bei der Planung der Einsatzmöglichkeiten bewusst sein sollte. Nachdem bei den Olympischen Spielen in London der Vorhang gefallen war, erkannten die Veranstalter, dass ihre Haltung zu restriktiv war, und sie bedauerten vielfach, nicht genauer zwischen den vielfältigen Weichmachern unterschieden zu haben. Unter Beachtung dieser Unterschiede haben die Hersteller von Weichmachern Millionen von Euro investiert, um für den anspruchsvollen Markt unschädliche Weichmacher in ausreichend großer Menge bereitzustellen, die den Leistungsansprüchen für flexibles PVC entsprechen.

Recyclingfähig und umweltfreundlich
Zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele in Sydney war eine der größten Sorgen im Zusammenhang mit der Verwendung von PVC, dass dieses möglicherweise umweltschädlich sei und nicht nachhaltig entsorgt werden könne. Es liegt wohl unter anderem an der langen Lebensdauer von PVC-Produkten – im Falle von Rohrleitungen kann diese bis zu 50 Jahre betragen – und an ihren geringen Instandhaltungskosten, dass man sich zum Zeitpunkt ihres Einbaus noch keine besonderen Gedanken über die späteren Recyclingmöglichkeiten für PVC-Material gemacht hat. Dies war natürlich nicht nur ein umweltpolitisches Versäumnis, sondern auch eine verpasste Gelegenheit, da sich PVC aufgrund seiner technischen Eigenschaften eigentlich hervorragend zum Recyceln eignet.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte rief die europäische PVC-Branche im Jahr 2000 ein freiwilliges Programm ins Leben mit dem Ziel, die Nachhaltigkeitseigenschaften ihrer PVC-Produkte zu optimieren und die für das Recycling dringend benötigte Infrastruktur zu schaffen. Über 900.000 Tonnen PVC wurden so im Laufe eines Jahrzehnts recycelt, und es wurde auch die Ausmusterung der Cadmium-Stabilisatoren umgesetzt. Die London Olympic Delivery Authority würdigte ausdrücklich die Anstrengungen, welche die europäische PVC-Industrie im Rahmen des Programms „Vinyl 2010“ unternommen hatte.

VinylPlus – so lautet die Bezeichnung des Nachfolgeprogramms für die kommenden zehn Jahre – verfolgt einen stärker ganzheitlichen Ansatz und nicht weniger ehrgeizige Zielsetzungen: Bis zum Jahr 2020 sollen pro Jahr 800.000 Tonnen PVC recycelt werden. Dieses Ziel scheint nicht zu hoch gegriffen, da allein im Jahr 2013 bereits 444.468 Tonnen PVC recycelt wurden, und das trotz der stagnierenden europäischen Wirtschaft. Die Anwendungen im Baubereich machen einen Großteil der insgesamt recycelten Abfälle aus, darunter Fensterrahmen, Dach- und Wasserabdichtungsmembrane sowie Boden- und Beschichtungsmaterialien.

PVC im sportlichen Alltag
Nicht nur in Stadien und auf Großbaustellen kommt flexibles PVC zum Einsatz, es steckt auch in einer großen Zahl von Produkten, die von Profi- und Hobbysportlern im Alltag verwendet werden. Aufgrund seiner Vielseitigkeit, seines geringen Gewichts und seiner Widerstandfähigkeit ist dieses Material geradezu ideal geeignet für die Verarbeitung in verschiedensten Sportartikeln, die beispielsweise zum Schwimmen, Boxen, Laufen, Radfahren, Tennis, Segeln, Fußball, Skilaufen oder im Fitnessbereich (um nur einige Beispiele zu nennen) unerlässlich geworden sind.

Flexibles PVC steckt beispielsweise auch in aufblasbaren Schwimmhilfen, Schwimmflügeln und Rettungs-Schwimmkörpern. Es eignet sich für den Outdoor-Sport, beispielsweise als Bestandteil von Segelbekleidung, die in besonderer Weise vor den Naturgewalten schützen muss. Auch beim Boxen und beim Kampfsport kommt Vinyl als Material für Handschuhe und Sparing Pads zum Einsatz. Aufgrund seiner Beständigkeit und Kosteneffizienz ist weiches PVC heute als Bestandteil von Sportschuhen, Rugby-Postguards, Schwimmflossen, Tauchermasken, Sneakers, Skislalom-Pfosten, Landing Pads, Tennisnetzen, Tischtennisbällen und -tischen, Taschen und Matten nicht mehr wegzudenken, und dasselbe gilt für eine Vielzahl von aufblasbaren Ausrüstungsgegenständen wie Kajaks, Wasserbälle usw.

Die Sammelsysteme, mit deren Hilfe auch kleinere Gebrauchsgegenstände dem Recyclingkreislauf zugeführt werden können, sind sicherlich ein Bereich, der in Europa noch verbesserungswürdig ist, da in den meisten Städten noch keine ausreichenden Anlagen für die erneute Verarbeitung von beispielsweise Sportschuhen und anderen Sportartikeln zur Verfügung stehen. Einige Geschäfte und Hersteller haben daher damit begonnen, ihre eigenen Rücknahmeprogramme für gebrauchte Artikel ins Leben zu rufen.

Zehntausende Sportler, Sportenthusiasten und Zuschauer nutzen Jahr für Jahr die Vorteile des flexiblen PVC, ob direkt (durch den Kauf von PVC-Sportausstattung) oder indirekt (indem sie Spotveranstaltungen besuchen oder diese im Fernsehen verfolgen, wie beispielsweise die Olympischen Spiele oder die FIFA-Weltmeisterschaft). Der Bereich der Sportausstattung erhält somit auch einen dynamischen Wirtschaftszweig aufrecht, der unablässig im Bereich der Innovation und der Prozessoptimierung tätig ist.

Weich- PVC steht seit vielen Jahren im Rampenlicht und ist bei sportlichen Ereignissen von Weltrang und als Teil von Profisportausrüstung präsent. Es ist vielleicht nicht das glamouröseste oder das berühmteste Material, doch ohne seine Hilfe könnten unsere Spitzensportler nicht so hoch springen oder so schnell laufen. Es ist an der Zeit, es in neuem Licht zu betrachten und es im Rahmen beständiger Optimierung zu schätzen, ob auf dem Sportplatz oder vom Wohnzimmer aus.

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