Baufachzeitung

22.07.2017

Baunachrichten Baufachzeitung

Mit neuen Geschäftsmodellen mehr öffentliche Gebäude energetisch sanieren

 

Die Energieeinsparpotenziale im öffentlichen Gebäudebestand werden bisher nur unzureichend erschlossen. Einen wichtigen Beitrag zur Auflösung des Sanierungsstaus soll jetzt ein neues Forschungsprojekt leisten. Das Ende 2013 gestartete Vorhaben mit dem Namen EDLIG (Energie Dienstleistungen im Gebäudebestand) will auf Basis von Contracting-Dienstleistungen geeignete Geschäftsmodelle mit garantierten Energieeinsparzielen für die integrale Gebäudesanierung entwickeln. Die KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg leitet die Arbeiten. Beteiligt sind mehrere Partner, darunter Forschungsinstitute, Verbände, die Deutsche Energieagentur dena, Banken sowie Ingenieur- und Architekturbüros. Das Projekt läuft bis 2017, das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) fördert es mit rund 800.000 Euro.

Forschungsarbeiten zu dem komplexen Thema erfolgen auch auf internationaler Ebene. Unter dem Dach der Internationalen Energieagentur IEA versuchen derzeit 13 Nationen Energiedienstleistungen voranzubringen. Das Vorhaben läuft unter dem Namen "Annex 61, Business and Technical Concepts for Deep Retrofit in Public Buildings". Beteiligt sind neben Deutschland neun weitere europäische Länder, die USA, Kanada und Australien. Die KEA leitet mit einem Partner aus den USA dieses internationale Forschungsprojekt.

Der Sanierungsstau ist bekannt: Die Anlagentechnik öffentlicher Liegenschaften ist im Durchschnitt 25 Jahre alt, die Gebäudehüllen sind sogar noch zehn Jahre älter. Die Sanierungsrate liegt hierzulande bei rund einem Prozent pro Jahr; das Doppelte bis Dreifache ist eigentlich nötig, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Das Handlungsdefizit führen öffentliche Verwaltungen meist auf fehlende finanzielle Mittel zurück. Dabei sind Sanierungen auch ohne Haushaltsmittel umsetzbar. "Mit Energiespar-Contracting können trotz knapper Finanzen umfassende Maßnahmen zur Gebäudesanierung realisiert werden", sagt Rüdiger Lohse, Leiter Contracting bei der KEA und der Forschungsprojekte.

Contracting als Ausgangspunkt für neue Geschäftsmodelle
Energiespar-Contracting wurde in Deutschland intensiv erprobt: Über 100 Vorhaben wurden in den letzten Jahren erfolgreich durchgeführt. "Bisher hat sich Contracting jedoch auf die Erneuerung der Gebäudetechnik beschränkt", so Lohse. "Hier gibt es Berechnungswerkzeuge für Projektentwickler und Contractoren. Die Energieeinsparung mit erneuerten technischen Geräten ist gut prognostizierbar und damit auch die finanzielle Entlohnung der ausführenden Firmen."

Bei Sanierungsvorhaben, die auch die Dämmung der Gebäudehülle einbeziehen, ist der Erfolg für die Beteiligten nicht so einfach abzuschätzen. Contracting hat es hier schwer. Unter anderem fehlen normierte Daten. Diese Lücken zu schließen, ist eine Aufgabe der Projekte. Ziel ist es, ausgehend von einem breiteren Contractingansatz, neue Geschäftsmodelle zur integralen Sanierung zu entwickeln. Sie sollen ebenfalls Einsparziele garantieren und nur geringe eigene Finanzmittel benötigen.

Das deutsche Forschungsprojekt ist in fünf Abschnitte aufgeteilt, international wird ähnlich vorgegangen. Im ersten Abschnitt steht die Datenerhebung im Vordergrund. Auf dieser Basis werden im zweiten für verschiedene Gebäudetypen mit Hilfe von weiterentwickelten Simulationsprogrammen Sanierungsmaßnahmen durchgeführt und die Energieeinsparung ermittelt. Abschnitt drei beschäftigt sich besonders mit neuen Geschäftsmodellen und der Minimierung von finanziellen Risiken. In Abschnitt vier und fünf werden Machbarkeitsstudien, Pilotprojekte und ein umfassender Leitfaden für die Branche erarbeitet. Die Ergebnisse werden öffentlich zugänglich gemacht.

Unter Energiespar-Contracting wird die Erschließung privaten Kapitals für die energetische Gebäudesanierung verstanden. Der Contractor saniert auf eigene Rechnung, garantiert langfristig eine vereinbarte Energieeinsparung und trägt das finanzielle Risiko, falls das Einsparziel nicht erreicht wird. Entlohnt wird er über die tatsächlichen Energie- und Betriebskosteneinsparungen in einem bestimmten Zeitraum. Der Auftraggeber erhält im Gegenzug Gebäude mit effizienter Anlagentechnik. Durch einen Ideenwettbewerb in der Ausschreibungsphase wird sichergestellt, dass der Auftraggeber die beste Lösung bekommt.

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