Baufachzeitung

23.10.2017

Bauwirtschaft Baufachzeitung

Regelrichtiger Rückhalt

Aquatische Systeme zählen zu den wichtigsten Umweltgütern. Eine neue Anlagenverordnung schützt sie bundeseinheitlich vor wassergefährdenden Stoffen. Bild: Mall

Wasser und Boden sind die höchsten naturräumlichen Schutzgüter. Ihre Unversehrtheit ist Grundlage allen Lebens. Folglich birgt der Umgang mit wassergefährdenden Stoffen ein extremes ökologisches Risikopotenzial. Er gehört deshalb zu den vordringlichsten Normierungsbereichen im Umweltrecht. Aktuell löst hier gerade eine neue Bundesverordnung die bisherigen Länderverordnungen ab (s. Anmerkung "Regelwerk" am Ende dieser Seite).

Wie schon zuvor unter landesrechtlicher VAwS-Regelung, verpflichtet auch die neue Bundesanlagenverordnung (AwSV) den Betreiber einer Anlage zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen dazu, diese Stoffe entsprechend ihrer Gefährlichkeit in Wassergefährdungsklassen einzustufen sowie für Havariesituationen jeweils geeignete Rückhalteeinrichtungen, Alarmierungssysteme und Überfüllsicherungen zu installieren. Auch gehört es zu den Betreiberpflichten, solche Anlagen regelmäßig durch Sachverständige prüfen und durch Fachbetriebe warten zu lassen.

Bei SHW schwebt NeutraSab in die Baugrube. Gut ist die Durchverrohrung mit Überlaufstutzen und Absperrklappe zu erkennen. Bild: SHW Automotive GmbH

Zuverlässige Technik

Ein langjährig erfahrener Systemanbieter für VAwS/AwSV-reglementierte Bereiche ist die Mall GmbH mit Stammsitz in Donaueschingen. Das Unternehmen produziert und vertreibt die erforderlichen Sicherungslösungen komplett aus einer Hand; Vor-Ort-Montage inklusive. Darüber hinaus gehören Beratung und Planung ebenso zum Leistungsspektrum, wie der notwendige Überprüfungs- und Wartungsservice.

Zentrale Komponente im VAwS/AwSV-orientierten Produktensemble von Mall ist das Sicherheitsauffangbecken NeutraSab. Entwickelt für den Einsatz bei Abfüll- und Umschlagflächen wassergefährdender Flüssigkeiten leistet es im Havariefall deren Rückhalt. Als fugenlos gegossener Stahlbetonbehälter güteüberwacht gefertigt und mit einer auf die betreffenden Medien abgestimmten Innenabdichtung versiegelt, enthält NeutraSab eine Durchverrohrung, in der ein Überlaufstutzen und eine Absperrklappe mit Antrieb integriert sind. Durch automatische Schaltung oder manuelle Bedienung verschließt die Absperrklappe das Durchlaufrohr mit dem Effekt, dass die bei einer Havarie zulaufende Flüssigkeit vor der Absperrklappe über den Überlaufstutzen in das leere Auffangbecken fließt. Für Reinigungszwecke kann die Zulaufleitung mittels Kugelhahn entleert werden.

Das Sicherheitsauffangbecken trägt die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt, Berlin) und eignet sich für den Rückhalt zahlreicher Flüssigkeiten, darunter mineralische Leichtflüssigkeiten, alternative Kraftstoffe, AdBlue, organische und anorganische Säuren und Basen, viele Lösungsmittel sowie kontaminiertes Löschwasser. Alle Einbauteile sind auf die jeweiligen Flüssigkeiten abgestimmt. Gleichzeitig wird auch geprüft, ob ein Ex-Schutz erforderlich ist. Ergänzende Produkte im Mall-Sortiment sind das Auffangbecken NeutraHav für den Einsatz innerhalb von Gebäuden oder bei überdachten Freiflächen, ein magnetischer Schnellschlussschieber zur sekundenschnellen Verriegelung von Abläufen bei Stromausfall oder -abschaltung sowie ein Absperr- und ein Umlenkschacht.

Wentus verarbeitet hoch korrosive Chemikalien. Während der Anlieferung verschließt eine Elektroklappe den Rohrdurchgang zur Kanalisation. Bild: Mall

Zahllose Anwendungen

Ein typischer Anwendungsfall ergab sich anlässlich des Neubaus eines Öl- und Gefahrstofflagers bei der SHW Automotive GmbH, die in Tuttlingen-Ludwigstal Bremsscheiben für die Automobilindustrie produziert. Zur Herstellung der Bremsscheiben wird eine ganze Reihe wassergefährdender Stoffe benötigt, beispielsweise Schwefelsäure, Harze und Härter. Sie werden in IBC-Containern angeliefert und auf dem Werksgelände unmittelbar vor dem neuen Gefahrstofflager umgeschlagen. Um sicherzustellen, dass im Havariefall keine dieser Flüssigkeiten in die Kanalisation gelangt, wurde unter dem Umschlagplatz ein Sicherheitsauffangbecken vom Typ NeutraSab mit einem Fassungsvermögen von 5.400 Litern eingebaut. Resistenz gegen die große Bandbreite der hier bewegten Schadstoffe bietet ein PE-HD-Inliner. Die Absperrklappe des Beckens ist in ihrer Grundstellung geöffnet, damit Regenwasser in die Kanalisation abfließen kann. Sie lässt sich über Schalter, die an zwei Stellen des Gebäudes angebracht sind, bei Bedarf sofort schließen.

Eine ähnliche Aufgabenstellung lag bei der Wentus Kunststoff GmbH im nordrhein-westfälischen Höxter vor. Der Spezialist für flexible Verpackungen produziert, bedruckt und konfektioniert mehrere Hundert unterschiedlicher Folien für Kunden aus der Hygiene-, Lebensmittel- und Agrarindustrie. Um die Lieferung und den Umschlag verschiedener Chemikalien, die zur Herstellung der Folien benötigt werden, wasserrechtlich abzusichern, ließ das Unternehmen ebenfalls ein NeutraSab-Rückhaltesystem einbauen. Das Becken fasst 2.500 Liter und ist wegen der hohen Korrosivität der Umschlagstoffe mit einer Auskleidung aus Edelstahl sowie Zu- und Abluftleitung aus VA-Stahl ausgerüstet. Während der Liefer- und Umfüllarbeiten wird der zur Kanalisation führende Rohrdurchgang mittels einer Elektroklappe verschlossen. So ist von vorne herein sichergestellt, dass eventuelle Havarievolumina abgefangen und später sachgerecht entsorgt werden können.

Bohremulsionen dienen bei der Metallbearbeitung als Schmier- und Kühlmittel. Neben Wasser und Ölen können sie je nach Anwendungsfall eine Vielzahl an Zusatzstoffen enthalten wie zum Beispiel Entschäumer, Biozide, Desinfektionsmittel, Stabilisatoren, Emulgatoren oder Korrosionsschutzzusätze. Wie auch immer die Mixtur ausfällt – verbrauchte Bohremulsionen müssen gesondert erfasst und entsorgt werden. Im Fall der WEFA Gruppe, die in Singen Spezialwerkzeuge für verschiedene Industriezweige herstellt, ergab sich durch den Umbau einer Produktionshalle die Gelegenheit, unter den Hallenboden ein Auffangbecken vom Typ NeutraHav zu platzieren, um darin mit Bohremulsionen versetztes Abwasser aufzufangen. Das mit einem PE-Inliner ausgekleidete Becken stellt 4.800 Liter Speicherkapazität zur Verfügung. Wann es an der Zeit ist, sich um die Entsorgung des Beckeninhalts zu kümmern, meldet ein Schwimmerschalter. Eine Steuereinheit setzt dessen Signal in einen Blinkalarm um.

Unter der WEFA-Produktionshalle sammelt ein Auffangbecken vom Typ NeutraHav Bohremulsionen. Sie müssen gesondert entsorgt werden. Bild: Mall

Zig Kombivarianten

Transformatoren sind schon seit über hundert Jahren das Metier der AREVA Energietechnik GmbH in Mönchengladbach. Das Unternehmen entwickelt, fertigt, prüft und wartet. Trafos von AREVA sind weltweit im Einsatz. Auf einer Freifläche seines Betriebsgeländes hat das Unternehmen ein Zwischenlager für Transformatoren eingerichtet. Hier musste sichergestellt werden, dass bei einer Leckage austretendes Trafoöl nicht in die Kanalisation gelangt. Die gewählte und von Mall gelieferte Anlagenkonfiguration besteht aus einem Durchlaufbecken mit Schnellschlussschieber NeutraQuick sowie einer mit Warnanlage ausgestatteten Leichtflüssigabscheideranlage. Im Regelbetrieb fließt das auf der Lagerfläche anfallende Regenwasser über das Durchlaufbecken zum Abscheider und von dort weiter in die Kanalisation. Sammelt sich jedoch im Havariefall eine größere Menge Öl im Abscheider, so löst die Warnanlage einen Alarm beim Pförtner aus. Gleichzeitig verschließt der Schnellschlussschieber den Ablauf des Durchlaufbeckens. Zuströmendes Öl staut sich nun bis zu dessen Notüberlauf und läuft dann in einen 120 m3 großen Stahltank. Von dort kann es gesondert entsorgt werden.

Wie die Beispiele zeigen, sind für den Einzelfall maßgeschneiderte Individuallösungen der Regelfall bei der normgerechten Absicherung VAwS/AwSV-reglementierter Betriebsabläufe. Den dabei gestellten fachlichen und rechtlichen Anforderungen können nur jene Systemanbieter gerecht werden, die über eine entsprechend diversifizierte Palette hochwertig gefertigter Anlagenkomponenten einschließlich der erforderlichen Zulassungen verfügen. Unabdingbar für den erfolgreichen Weg zu einer gleichermaßen betriebssicheren wie wirtschaftlichen Anlage ist außerdem ein umfassend erfahrungsbasierter Beratungs- und Planungsservice.

Regelwerk

Aus 16 VAwS wird eine AwSV. Die bisherigen Länderverordnungen über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (VAwS) waren zentrale Rechtsgrundlagen für den Boden- und Gewässerschutz. Seit 2010 wird daran gearbeitet, diese 16 Anlagenverordnungen der Bundesländer in eine einheitliche Bundesanlagenverordnung (AwSV) zu überführen.
Der Regelsetzungsprozess folgt allerdings einem Schlingerkurs und hat mit Stand Oktober 2015 seine Ziellinie noch nicht passiert: Ein ursprünglicher AwSV-Entwurf vom 22. Juli 2013 hatte bereits das obligatorische EU-Notifizierungsverfahren durchlaufen, war dann aber wegen Unstimmigkeiten zwischen den zuständigen Ressorts wieder geändert worden. Gegenüber der ursprünglichen Fassung sollte die AwSV nun auch Anlagen zum Umgang mit Jauche, Gülle und Silagesickersäften (JGS-Anlagen) und Umschlaganlagen im intermodalen Verkehr regeln sowie mehr Klarheit hinsichtlich der Prüfpflichten durch Sachverständige und der Nachrüstpflicht für Betreiber schaffen. Einem entsprechenden Änderungsentwurf hat der Bundesrat am 23. Mai 2014 zugestimmt. Seit Juli 2015 und bis zum Ende der Stillhaltefrist am 21. Oktober 2015 haben nun Kommission und Mitgliedstaaten der EU im Rahmen eines weiteren Notifizierungsverfahrens Gelegenheit, den Wortlaut der Verordnung zu prüfen. Mit Einwänden ist allerdings nicht zu rechnen, so dass ab November 2015 die Veröffentlichung und damit das Inkrafttreten der AwSV erwartet werden können.

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