Baufachzeitung

24.10.2017

Bauwirtschaft Baufachzeitung

Himmelsschraube aus BS-Holz und Stahl

Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee
Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersee

Im österreichischen Kärnten, auf dem Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersees, steht der höchste überwiegend aus Holz konstruierte und öffentlich zugängliche Aussichtsturm der Welt. Technikzylinder und Antennenspitze eingerechnet, ragt er 100 m hoch in den Himmel. Vom ellipsenförmigen Grundriss ausgehend bilden zehn jeweils um 22,5 Grad versetzte Ebenen eine Schraubenform bis zur höchsten Besucheretage in knapp 71 m Höhe. Gebildet wird die Turmhülle von 16 Brettschichtholzstützen aus Lärche, die sich korbartig um das Treppenhaus mit integrierter Gebäuderutsche – die längste Europas – und den zentralen Lift schließen. Zehn aus geschweißten Stahlkästen gebildete Ellipsen im Abstand von 6,40 m und 80 Diagonalstreben aus Rundrohren steifen die ungewöhnliche Konstruktion aus. Für den Betrachter wirkt sie mit ihrer elegant geschwungenen Taillierung schlank und leicht – verbaut wurden indes 600 m³ Holz sowie 300 t Stahl.

Am 12. Oktober 2012, fast genau um 12:12 Uhr, fiel auf dem Pyramidenkogel nach kontrollierter Sprengung der mit 40 Jahren ausgediente alte Aussichtsturm aus Stahlbeton. Der neue sollte anders sein, ein attraktives Wahrzeichen in der touristisch geprägten Region – nicht nur höher, sondern auch landschaftsgerechter und nachhaltiger. So stammt das verbaute, PEFC-zertifizierte Holz beispielsweise aus den nahe gelegenen Hohen Tauern. Das stand bereits 2007 fest, nachdem die Gemeinde dem Wettbewerbsteam aus den Klagenfurter Architekten Klaura + Kaden + Partner und den Tragwerksplanern Lackner + Raml aus Villach für den mutigen Planungsvorschlag den Zuschlag gegeben hatte. Dort war man auf das Spiel mit der Ellipse und der Schraubenform gekommen, und man war auch bereit, für ein solches Projekt aus Verbundenheit zur Heimat echte Pionierarbeit zu leisten. Die Architekten Markus Klaura und Dietmar Kaden: „Uns war klar, dass wir mit diesem Turm die Grenze der Leistungsfähigkeit des modernen Holzbaus ausloten müssen – unser Team und natürlich auch der Tragwerksplaner und die Bauausführenden. Doch der skulpturale Charakter und die beeindruckende Dimension in Verbindung mit dem großflächigen und massiven Einsatz von Holz waren schnell zur persönlichen Herausforderung geworden – etwas für Kärnten zu erschaffen, das es so bisher nirgends auf der Welt gab.“ Schon die Vorarbeiten waren enorm aufwändig: Der Turm wurde unter anderem maßstabsgetreu im Windkanal getestet, um die Träger statisch und wirtschaftlich optimal bemessen zu können. Auch ein geotechnisches Gutachten wurde eingeholt. Der Baubeginn jedoch verzögerte sich um Jahre – wegen ungeklärter Fragen seitens der Bauherrschaft.

Toleranz: Null
Nach der Fertigstellung des 800 t-Betonfundaments, mittels acht Stahlankern 20 m tief im Fels gegründet, konnte die Arge Rubner-Zeman den Turmbau im Februar schließlich aufnehmen. Der Rohbau war schon nach zwei Monaten fertig, am 20. Juni folgte bereits die Eröffnung. Die Arbeit erforderte höchste Präzision: „Vom ersten Tag der Vorfertigung im Ober-Grafendorfer Werk von Rubner Holzbau bis zur Endmontage auf der Baustelle musste jeder Schritt exakt stimmen“, sagt Tragwerksplaner Markus Lackner, „denn nun würde sich zeigen, ob die vielen Detaillösungen im gesamten System mit der zwingend notwendigen Genauigkeit in der Praxis umsetzbar waren. Auch die Verbindungselemente von Zeman waren allesamt Sonderbauteile. Nulltoleranz war die Forderung an jeden Beteiligten.“ Trotz Eis, Wind und Schnee kamen die Monteure der Arge Rubner-Zeman zügig voran – und alles passte perfekt. Bei den bis zu neun Tonnen schweren Brettschichtholzträgern mit Längen bis zu 27 m und bei einer Gesamthöhe der zweimal gestoßenen Stützen von 74 m eine logistische und bauliche Höchstleistung.

Konstruktiver Holzschutz bei der Knotenausbildung
Die 48 melaminverleimten Einzelelemente (27 bzw. 13,5 m) wurden im Hinblick auf die Robustheit, Langlebigkeit und Einheitlichkeit bei der Ausführung des Tragwerks in konstanter Dimension (144 x 32 cm) und je nach statischen Erfordernissen in den Festigkeitsklassen Gl28c, Gl28h und Gl32h ausgeführt. Eine stabverleimte Decklamelle verhindert Wassereintritt in die Blockfugen. So kann das unbehandelte Lärchenholz, im alpinen Raum am Fuß des Glockners sehr langsam gewachsen, der oberflächlichen Bewitterung über Jahrzehnte problemlos standhalten. Für die Tragwerksplanung war der konstruktive Holzschutz schon im Entwurf zentrales Thema: So entstehen z. B. durch die schlangenförmige Anordnung der Stützen in vertikalen Ebenen sehr steile bis senkrechte Flächen, die dem Wasser keine dauerhaften Angriffspunkte bieten. Auch musste für die Fachwerksknoten – die Verbindung von Träger und Stahl – eine besondere konstruktive Lösung für den Holzschutz entwickelt werden. Darüber hinaus wurden dabei eine dauerhaft sichere Krafteinleitung ins Holz, einfache Montage und Wartung sowie Wirtschaftlichkeit berücksichtigt. Zum Einsatz kamen schließlich H-förmige Stahlprofile und Bolzen mit Innengewinde, die von Rubner Holzbau Ober-Grafendorf in der Vorfertigung präzise eingefügt und mit Epoxidharz eingeklebtt wurden. Diese innovative Verbindungstechnik mit gleichzeitiger Versiegelung verhindert den Wassereintritt in die Knoten und schützt das Holz. Der Anschluss der Ringelemente und Diagonalstreben erfolgte zudem auf Abstand, so dass Feuchtigkeit automatisch von der Konstruktion abgeführt wird. „Die exakte Vorfertigung und zeitgerechte Lieferung trug nicht nur wesentlich zum raschen Baufortschritt bei“, sagt Bauleiter Günther Meinhardt von Rubner Holzbau: „Sie erleichterte es unseren Monteuren enorm, alle Verbindungen auf der Baustelle fachgerecht und sicher auszuführen.“

Attraktionen „Skybox“ und Rutsche
Konzipiert ist der Turm für eine Nutzungsdauer von mindestens 40 Jahren. Das Basisgebäude (700 m²) mit Foyer, Ticketschalter, Shop und Restaurant wurde aus Gründen des Brandschutzes in massiver Bauweise ausgeführt. Vom Atrium aus gelangen Besucher – ausgelegt ist der Turm für 500 zur gleichen Zeit – über die 440 Stufen der Panoramatreppe oder den gläsernen Lift durch den Turm zu einer der drei Aussichtsplattformen. In diesen wurden 100 m³ Brettsperrholz aus Fichte verbaut. In der neunten und zehnten Etage schimmert die „Skybox“, ein witterungsgeschützter Raum mit Glasfassade, der für besondere Anlässe gemietet werden kann. Der Einstieg in die mit Bullaugen ausgestattete Röhre der Rutsche liegt auf 52 m: Von hier geht es über eine Länge von 120 m in einer Spirale mit bis zu über 20 km/h abwärts zum Fuß des einzigartigen Aussichtsturms. Weit mehr als 100.000 Besucher jährlich soll die neue Attraktion in Kärnten anlocken, und darunter werden viele sein, die für Berge, Wälder und Seen nur einen zweiten Blick übrig haben: „Wir haben von Fachleuten aus vielen Ländern der Welt euphorische Reaktionen erhalten“, erklären Klaura und Kaden, „und so mancher aus der Branche wird sich das Werk sicher einmal ganz aus der Nähe ansehen wollen – so wie die mehr als 85.000 Besucher allein in den ersten sechs Wochen.“

Architekt: Klaura + Kaden + Partner, A-Klagenfurt, www.klaura-kaden.at
Tragwerksplanung: Lackner + Raml, A-Villach, www.lackner-raml.at
Holzbau: Rubner Holzbau, Ober-Grafendorf (Fertigung) u. A-Finkenstein (Projektabwicklung + Montage), www.holzbau.rubner.com

Stahlbau: Zeman, A-Wien, www.zeman-stahl.com
Bauherr: Pyramidenkogel Infrastruktur, A-Klagenfurt, www.pyramidenkogel-ktn.at

Baukosten: 8,0 Mio. Euro gesamt, Turm 4,5 Mio. Euro, Holz- und Stahlbau 3,0 Mio. Euro
Bauzeit: 5 Monate, davon Turmrohbau 2 Monate
Holzeinsatz: 500 m³ BSH (Lä), 100 m³ BSP (Fi)
Stahleinsatz: 300 t

Fotos: Rubner

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