Baufachzeitung

11.12.2017

Bauwirtschaft Baufachzeitung

Putz – das unterschätzte Fassadenmaterial

Oberflächlich? - Putz in der Architektur – so lautete der Titel des dritten Architekten-Webkongresses, den der Baustoffhersteller Saint-Gobain Weber im November 2013 in Kooperation mit der db deutsche bauzeitung präsentierte. Die zweitägige Veranstaltung beleuchtete den Stellenwert und das Potenzial des Materials für Architekten unter anderem mit den Gästen Eike Roswag, Martin Bez, Jürgen Mayer H. und Pinar Gönül. Das Fazit: Putz als Oberflächenfinish eignet sich zur Umsetzung unterschiedlicher Architekturanliegen. Seine zahlreichen gestalterischen und bauphysikalischen Vorteile müssen jedoch teilweise neu entdeckt werden.

Langweiliger Putz?
In einer von Weber und der db deutsche bauzeitung im Vorfeld des Webkongresses durchgeführten Umfrage unter Architekten bezeichneten 27 Prozent der Befragten Putz als „langweilig“. Wie kommt es zu diesem Image? Martin Bez vom Stuttgarter Architekturbüro Bez + Kock fand dafür folgende Erklärung: „Putz ist das gängige Material, das ‘Normalmaterial’. Wenn man einem Bauherren gegenüber die Fassadengestaltung nicht erklären will, dann wählt man Putz.“ Die Schweizer Architektin Pinar Gönül, Mitherausgeberin des Buches „Über Putz“, bedauerte dies ausdrücklich: „Die Bandbreite der Putze ist heute wahrscheinlich größer als je zuvor und birgt großes innovatives Potenzial. Doch viele klassischen Verarbeitungsformen sind nicht mehr bekannt.“

Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten
Wie unterschiedlich Putzfassaden aussehen können, zeigten Objekte der teilnehmenden Experten. So nutzt Eike Roswag von Ziegert | Roswag | Seiler in Berlin den Baustoff Putz im Rahmen seiner nachhaltigen Architekturauffassung. Ein beim Webkongress vorgestelltes Beispiel hierfür ist die Berliner Villa „Westend Grün“. Im Zuge einer Komplettsanierung erhielt das Wohnhaus eine Schilfrohrdämmung mit feiner Kalkputzoberfläche. Den Einwand eines Zuschauers, dies sei eine sehr romantische Bauauffassung, konterte er: „Putze zählen zu den wirtschaftlichsten Oberflächen überhaupt.“

Von einem anderen Ausgangspunkt kommt Jürgen Mayer H.: Beim Neubau des Hamburger Bürogebäudes „ADA1“ verwendete er einen weißen, organischen Oberputz. Ihm diente der Putz hier vor allem dafür, einen möglichst plastischen, fugenlosen Baukörper auszuarbeiten.

Der dritte Webkongress von Saint-Gobain Weber und db deutsche bauzeitung beleuchtete den Stellenwert von Putz in der aktuellen Architektur. (Foto: Holger Talinski/Saint-Gobain Weber)

Vergessene Techniken wiederbeleben
Einig zeigten sich die Teilnehmer darin, dass sowohl Handwerker als auch Architekten den Umgang mit Putz neu erlernen müssen, um die Möglichkeiten des Werkstoffs zu nutzen. Christian Poprawa von Saint-Gobain Weber appellierte an Architekten, „dem Material Respekt zu zollen“, anstatt, wie immer noch teilweise üblich, „ein Stück Fassadenputz“ auszuschreiben. Martin Bez berichtete aus der Praxis, wie bei einem seiner Objekte mit anthrazitfarbener Putzfassade die beauftragten Handwerker die gewünschte Kratzputztechnik zunächst erlernen mussten. Jürgen Mayer H. ergänzte: „Im Gegensatz zu Stahl oder Beton hat Putz eine andere Feinheit, eine andere Art von Sensibilität, die man ergründen muss.“ Pinar Gönül plädierte für die praktische Auseinandersetzung mit dem Material im Architekturstudium: „Man muss die Zusammensetzung verstehen, die Techniken selbst ausprobieren. Erst dann kann man anfangen zu experimentieren.“

 

 

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